armenien [1/2]

armenien ist eine recht trostlose angelegenheit. also zumindest auf den ersten blick. die menschen schauen recht ernst drein, kaum einer lacht. über allem scheint die tragödie des verlorenen krieges zu liegen. vielleicht ist es auch das schmuddelige wetter, dass mich ein paar mal zwingt, tagelang auszuharren. oder die kürzer werdenden tage. oder es ist die armut, besonders auf dem land, die mich doch ganz schön überrascht. der umrechnungskurs zu euro liegt bei ungefähr 570:1. fließendes wasser ist kein standard, viele warten noch auf den gasanschluss und heizen ihre ungedämmten häuser mit holz, wie ich später erfahre. es sind scheinbar nur alte bis uralte ladas, kamaz und uaz unterwegs. ich freue mich über die antiquierten gefährte (auch wenn der auspussmief -insbesondere der lkw- noch viel schlimmer ist als in georgien), aber mir ist auch bewusst, dass sie nicht aus nostalgischen gründen gefahren werden. in georgien gab es auch gebiete, die aus der zeit gefallen schienen, aber in vielen bereichen schien das land auf dem weg nach vorn zu sein, ja teilweise manche schritte sogar zu überspringen. hier scheint alles stagniert zu sein, und das schon seit langem. unzählige industrieanlagen stehen düster und ungenutzt in der gegend rum und verfallen langsam; ebenso einstmal recht prächtige bauten markanten stils (der mich persönlich nach wie vor noch anspricht), die an eine längst vergangene zeit relativen wohlstands und selbstbewusstseins erinnern.

ich fahre von sadakhlo aus kommend die grenze zu aserbaidschan entlang. die armenischen stellung sehen jämmerlich schwach aus, eher wie aus dem zweiten weltkrieg. kampfhandlungen finden keine statt. es hält mich auch niemand auf und kontrolliert mich. auch als der weg für ein ganz kurzes stück durch aserbaidschan führt. nur ein paar verblüffte anwohner weisen mich darauf hin, dass ich einen weg unter keinen umständen fahren sollte, weil er nach aserbaidschan führt. ich finde es erstaunlich, wie in diesem teil des landes die grenze der landschaft folgt: auf der armenischen seite bewaldete hügel, auf der mitte savannenartige hügel wie in vashlovani, die sich in aserbaidschan in eine spiegelflache ebene senken.
ich folge immer weiter der aserbaidschanischen grenze – teils aus neugier, teils aus dem wissen, dass man abseits der hauptverkehrswege und metropolen die besten geschichten erlebt. und tatsächlich werde ich in navur -ein dorf weiter von berd- zum ersten mal eingeladen:
aram kommt mir auf der landstraße entgegengeschlendert. er ist schlank, glattrassiert, hat schütteres haar. er trägt eine nickelbrille und einen alten parka. er versucht es erst mit russisch, als er versteht, dass ich dessen nicht mächtig bin, schlägt er sich wacker mit seinem englisch. ich schnupperte unauffällig. nein, das ist kein aftershave, es ist chacha (später erfahre ich, dass der selbstgebrannte hierzulande einfach vodka genannt wird). um sicherzugehen, ruft er kurzerhand seine schwester an, die in spanien lebt und sehr gut englisch spricht. sie bestätigt mir, dass aram mich zu sich einlädt. ich freue mich. er scheint mir ein guter kerl zu sein, und so sage ich zu.
sein haus ist so ziemlich am ende des dorfes. es scheint irgendwie nicht fertig gebaut zu sein, eine art erweiterter rohbau. unter der galerie sind heuballen gestapelt und verschiedene landwirtschaftliche maschinen stehen dort (vom nachbarn, wie ich später erfahre). der garten ist recht romantisch verwildert. als wir hoch gehen, sehe ich, dass das obergeschoss im grunde nur aus zwei wohnräumen besteht, eines mit ofen. eine küche gibt es nicht. aram kocht einfach auf einer mittelgroßen gasflasche. es gibt eine richtige toilette mit fließendem wasser, aber leider keine dusche. nicht mal warmes wasser. leider.
wir setzen uns auf die galerie und unterhalten uns in dem üblichen mix aus kauderwelsch und gtranslate. es dauert nicht lang und das erste festgetränk wird gereicht. wir trinken auf die völkerverständigung, auf deutschland, armenien, verständigung im allgemeinen und alles was noch einen guten grund bietet. aram ist sehr stolz auf seinen selbstgebrannten, den er aus einer zwei-liter-flasche ausschenkt. er hat ihn mit seinem nachbarn gebrannt und er hat mindestens 60 prozent. also der schnaps. der nachbar kommt auch noch rum. er trinkt erstaunlicherweise nicht und entschuldigt sich dafür. naja, er schaut aber auch so aus, als hätte er schon einiges erlebt. in der oberen partie seines gebisses tut sich nur ein zahn verwegen nach vorn, in der unteren ist das meiste vergoldet. an seiner rechten hand sind nur noch daumen und zeigefinger. ‚immerhin‘ denke ich schon etwas beschwipst ‚die würde ich auch behalten wollen, wenn ich mich entscheiden müsste‘. dann kommt noch der nachbar von der anderen seite und es wird richtig gemütlich. es wird selbstgemachter käse kredenzt, tomaten, brot, eier und speck eines kürzlich geschlachteten schweins. später machen wir einen kleinen gemeinsamen spaziergang und aram staubt noch einen beutel voll weintrauben von der ernte seines nachbarn ab. das ist irgendwie sein ding, verstehe ich langsam. er ist einfach ein netter kerl und die leute unterstützen ihn dafür. ‚das sollte ich auch lernen‘ denke ich mir.
dann laufen wir noch einen bogen über die felder und wiesen rings ums dorf, schwatzen mit dem schäfer, der im begriff ist heimzugehen, verlaufen uns kurz. aram hat wohl auch einen im tee. im dunkeln erreichen wir das haus seines bruders. es wird armenisch geschnackt und viel geraucht. ich sitze daneben und schaue verständnisvoll aus. dann gibt es kaffee und süßigkeiten. ich spreche den bruder auf seinen boxgürtel und seine offensichtliche erfolge an. er sei gewichtheber, sagt er lächelnd, aber er scheint sich trotzdem zu freuen. irgendwann stolpern wir nach hause, inständig hoffend, dass die handybatterie noch reicht, denn straßenlaternen gibt es nicht. oder zumindest funktionieren sie nicht. als wir angekommen sind, verdrück ich mich schnell ins bett. auch am nächsten morgen mach ich mich auch recht früh vom acker. aram bringt mich noch zur hauptstraße und ich fühle mich schlecht. er ist in der tat ein netter kerl, aber irgendwas macht mich furchtbar traurig, irgendwas ist beklemmend und zwingt mich zu verschwinden.

die straße kurz hinter dem dorf ist schlecht, doch ich stoße kurz darauf glücklicherweise auf ein wunderbares tal. ein kleiner fluss schlängelt sich den berge herab, die sonne scheint nach kräften und es kommen kaum fahrzeuge vorbei. und ich habe noch ausreichend vorräte. perfekt.
ich bade, faulenze, lese und koche.
bis nach ijevan gehts tags drauf auf schotterwegen auf- und anschließend wieder abwärts. dann hab ich wieder asphalt unterm reifen. etwa in der höhe in howk werde ich von soldaten zu einem frühschoppen an den straßenrand gewunken. es wird gegessen, getrunken, getoastet und pot geraucht. alles zu ehren der gefallenen kameraden, versteht sich. der general kann sich gar nicht richtig darauf konzentrieren und ist ständig damit beschäftigt, mir fragen zu stellen. er ist hin- und hergerissen, ob er mich nun gut oder verdächtig finden solle. er entschuldigt sich schließlich, er müsse mich ablichten -nur zur sicherheit- aber er gibt mir auch ein paar kontakte, sollte ich einmal nach yeravan kommen. ich bedanke mich artig und beschwibst und fahr von dannen. ich ahnte ja nicht, wie bald ich schon nach jerevan fahren würde…

ich radelte nicht nach dilijan, sondern östlich, oberhalb des sewansees, richtung chambarak. ich stellte fest, dass ich mich immer öfter verschaltete, besonders in den kleinen gängen. und dann hatte ich einen platten. ich nahm also die ganzen taschen ab, suchte das werkzeug zusammen und drehte das fahrrad. es hatte sich inzwischen auch schon ein anwohner eingefunden, der seine dienste anbot, aber letztlich einfach nur neugierig war. ich geb zu: meine laune war nicht die beste, aber ich ließ es geschehen. bei der gelegenheit reinigte und kürzte ich noch die kette und stellte die gangschaltung ein. doch nichtsdestotrotz sprang die verdammte kette, insbesondere unter last, in kleinen gängen, wenn ich bergauf fuhr. schließlich verstand ich ‚zocher, du kamel! du hast deinen antrieb solang geritten, bis die zähne der kassette total abgenuddelt sind!‘ die kette dehnt sich mit der zeit aus. aufgrund der belastung beim treten, aber auch durch schaltvorgänge, weil die kette dann schräg belastet wird. der abstand der zähne der kassete bleibt jedoch gleich und diese werden daher mit der zeit abgetragen.
kurz gesagt: mein antrieb war -insbesondere, was die kleine gänge für die anstiegspassagen anging- im eimer. eine kurze recherche ergab: radläden gibt es nur in yerevan. also kurzfristige planänderung: statt im süden rumzugurken, um mich anschließend der hauptstadt zuzuwenden, machte ich kehrt und fuhr den see obenrum lang, direkt nach jerevan.

ich hatte glück (mal wieder) und fand den richtigen laden. sein gesicht war zerknautscht wie eine alte couch und die fluppe in seinem mundwinkel ging niemals aus. doch der blick auf die werkzeuge an der wand seiner werkstatt verriet mir, dass er wusste, was er tat und vor allem wie einer so alten schaltung, wie ich sie fuhr, beizukommen wäre. es stellte sich raus, dass er der ehemalige monteur der armenischen nationalmannschaft war. er verpasste meinem rad einen komplett neuen antrieb, ein upgrade gewissermaßen sogar. nur das vordere kettenblatt hatte er nicht in der entsprechenden qualität. aber das konnte ich zum glück in einem anderen radladen auftreiben.

in jerewan traf ich den esel- aber auch inzwischen gips-losen thomas wieder, der ebenfalls seinen weg nach armenien gefunden hatte. er war wie immer froher dinge, hatte u.a. an einem vipassana-retreat teilgenommen und dort witzige menschen kennen gelernt. darunter marc, der sich für eine reisegenehmigung nach bergkarabach beworben hatte. als sie abgelehnt wurde, beschloss er, erstmal nach georgien zu reisen. und da war ich es einmal, der ein reiches portfolio an reisetipps unterbreiten konnte. wir vernetzten uns, um uns gegenseitig über die reisesituation in den iran auf dem laufenden zu halten. es geisterte die information durchs netz, dass der iran ab dem 23. oktober wieder visaanträge bearbeiten werde. aber nichts genaues wusste man nicht.

jerevan ist auch eine stadt der gegensätze, aber imho nicht so positiv-divers wie tbilisi. es gibt die normale, ziemlich arme bevölkerung, graue wohnblöcke, sechsspurige straßen, abgase, hast und eile. und dann gibt es die schicken cafes und restaurants für die touristen, parks, museen und sogar eine hübsche u-bahn. und dann gibt es noch etablisments für die superreichen. [ich habe noch nie zuvor so viele rolls royce gesehen]
aber, um ehrlich zu sein, war ich ja nur wenige tage da und hab kaum etwas von der stadt gesehen/erlebt. vielleicht tue ich ihr unrecht mit meinem vorschnellen urteil und sollte ihr noch eine chance geben.

kulinarisch ist armenien nicht wirklich ein highlight. es gibt plagiate der georgischen und russischen küche (die wiederum viel von wahlweise ukrainern, usbeken, kirgisen usw. adaptiert haben). erwähnenswert ist das brot lavash, das mich stark an das afghanische nan erinnert hat. das darf man aber unter keinen umständen sagen, denn es ist natürlich gaaaaanz was anderes und überhaupt auch einzigartig. es ist riesengroß, aber ganz flach und wird wie ein bettlaken gefaltet verkauft. man kann es in kleine stücke reißen und damit andere speisen greifen ohne das besteck nutzen zu müssen. was ich sehr angenehm finde ist, dass man auch immer einen großen teller voller frischer kräuter -dill, basilikum, koreander, petersilie usw- serviert bekommt.

ich beschloss, die zeit bis zur potentiellen öffnung irans zu nutzen, um noch möglichst viel von armenien zu sehen. es war noch nicht zu kalt, was sich insbesondere im norden bald ändern würde, wie ich vermutete. klar, es regnete hin und wieder, aber nie mehrere tage am stück, es war neblig und grau, aber später als ich dann in den süden fuhr, erlebte ich einen wunderbaren goldenen herbst mit bunten blätter und viel sonnenschein. ich genoss die einsetzende kälte und die sich ständig ändernde szenerie von nebel in den bergen sogar; konnte ich ja gewiss sein, dass es bald auch wieder wärmer würde. als bekennender warmduscher und amtliche frostbeule kann ich mir jedoch keine längere tour in immerkalten gefilden vorstellen, zumindest nicht als sonderlich genussvoll.

als ich ins land kam, war gerade weinlese, später wurden die walnüsse von den bäumen geklopft, äpfel und birnen wurden geerntet, rings um den sevansee wurde sanddorn gepflückt und diverse daraus gewonnene produkte am straßenrand verkauft. hier im süden sind inzwischen sie granatäpfel reif und platzen auf der straße, wenn sie nicht rechtzeitig gepflückt werden. außerdem scheint hier hauptangebiet von kaki zu sein. sie werden dieser tage in garagen, auf balkonen und in speziell dafür gebauten käfigen zum trocknen aufgehängt.

ich fuhr von yerevan aus erstmal nach norden richtung spitak, östlich am aragaz vorbei. er ist der zwillingsberg des ararat, der wiederum ein wichtiges nationalsymbol der armenier ist. zur großen schmach liegt er nicht in ihrem staatsgebiet, sondern im westen der türkei (die werte leserin erinnert sich sicher noch. und wenn nicht, dann wird sofort nachgehört!) von wo aus sie (damals noch im osmanischen reich) vernichtet oder vertrieben wurden. das gebiet wird hierzuland auch westarmenien genannt.
von spitak aus fuhr ich nach stepanawan, über den pass, nicht durch den tunnel, und wurde bei der abfahrt gründlich eingeweicht und fror ganz bitterlich. aber ich überlebte. und als ich in stepanawan den pambak überquerte, bot sich mir der blick auf eine spektakuläre schlucht. die gegend sah aus, als hätte ihre oberfläche unter zu großer spannung gestanden und wäre infolgedessen aufgerissen. und der riss war ebendieses tal, durch das jetzt der fluss fließt. ich fuhr den pambak östlich, um dann später richtung norden nach alawerdi zu fahren. und auch dort wieder ein ähnliches bild: ich stand plötzlich an der kante einer hunderten metern tiefen schlucht in einer verhältnismäßig flachen landschaft – als ob der liebe gott an zwei seiten angepackt und gezogen hätte, und dann hätte die starre äußere schale unserer erde in einem riss nachgegeben.

in dem riss liegt der neuere teil von alawerdi, oben auf der schale der ältere. ich fuhr rauf und schaute mir das koster sanahin an. es präsentierte sich sehr stilecht im nebel düster und geheimnisvoll. ich hatte lust, dieses schöne tal noch ein stück weiter zu fahre. aber nicht allzu weit, denn dann wäre ich auf einen weg geraten, den ich schon einmal gefahren bin, was ich so gar nicht leiden kann. deshalb fuhr ich an haghpat vorbei in die berge zum dorf tsaghkashat. es war einer dieser verflixt nebligen, kalten tage. ich hatte vor, mir im dorf wasser zu besorgen, um anschließend irgendwo nahe im wald zu zelten und am nächsten tag über waldwege wieder hinunter nach teghut zu fahren.
ok, ich geb es zu, insgeheim hoffte ich auch ein bisschen, dass mich jemand in die warme, nach holzofen duftende stube einladen würde, als ich durchs dorf irrte. ich hatte die hoffnung schon aufgegeben, da war mir doch noch das glück hold und ich verbrachte die nacht bei einer netten familie. es gab bohnensuppe, käse, gemüse, fermentiertes, kompott, vodka – alles selbstgemacht, versteht sich.

ich fuhr dann doch nicht nach osten. der weg, der im grunde nur ein waldpfad war, war total aufgeweicht und meine gastgeber raten mir eindringlich davon ab. ich fügte mich und fuhr wieder zurück ins tal.
ich radelte wieder gen süden, vorbei an wanadzor richtung dilijan. als ich am nachmittage schon nach einem geeigneten lagerplatz ausschau hielt -ich war in letzter zeit etwas bequemlicher geworden und verspürte weniger lust bis zur erschöpfung zu fahren-, kam ich an einer art schullandheim vorbei. ein kleiner blick könne nicht schaden, dachte ich mir, vielleicht kann man in den pavillions der außenanlage einen gemütlichen unterschlupf finden. ich rollte also unauffällig aufs gelände und als ich hinter der kantine lang fuhr, wurde ich zurück gerufen. ‚auweier‘ dachte ich ‚jetzt gibts ärger!‘ doch weit gefehlt, im gegenteil: die besitzerin lud mich ein über nacht zu bleiben. sie war mit ein paar handwerkern vor ort, um die nächste saison vorzubereiten.
bis zum gemeinsamen abendessen saß ich mir ihr, namentlich gayane, in der kantine und wir quatschen über dieses und jenes. sie zeigte mir bilder und videos ihrer einrichtung, wenn hunderte kinder und jugendliche zu gast sind. es gab verschiedenste sportangebote, man konnte sogar paintball spielen, es wurden workshops und ausflüge gemacht, gegrillt, getanzt usw. sie versuchte programmatisch immer auch eine art interkulturellen austausch zu gestalten.
gayane hatte den fall der mauer in deutschland miterlebt, weil ihr mann in der ddr stationiert war. ich berichtete vom wahlergebnis in deutschland und ich fragte sie natürlich viel aus über armenien. sie bestätigte mir das eingänglich beschriebene gefühl der bedrückung. sie meinte, vor drei jahren war alles noch ganz anders, die menschen war glücklich und saßen draußen und feierten. aber seit dem ginge alles schief, corona und dann die niederlage gegen aserbaidschan. ich erhielt eine interessante innenperspektive. offensichtlich fühlte sich das armenische volk von ihrem präsidenten verraten, der ihrer meinung nach einem friedensvertrag zu früh zugesagt und all den freiwilligen die chance genommen hatte, ihr land zu verteidigen. ich bin verwundert ob dieser dolchstoßlegende. armenien hatte nie den hauch einer chance: aserbaidschans rüstungsetat ist größer als der gesamte armenische staatshaushalt. es kämpft mit modernen drohnen und anderem kriegsgerät u.a. aus israel, russland und türkei. es wäre ein reines himmelfahrtskommando gewesen! er hat damit nur leben gerettet! – denke ich mir, aber sage es nicht laut.
es ist sicher nicht leicht mit dieser situation umzugehen. die armenier haben auf der einen seite eine sehr stolze und lange geschichte, während der sie jedoch selten wirklich souverän waren. sie sind eingeklemmt zwischen zwei staaten von turkvölkern, von denen sie überzeugt sind, dass sie ihre komplette vernichtung wollen. und sie fühlen sich mehr und mehr beraubt ihres staatsgebietes und verraten von einstigen verbündeten.
inzwischen hat armenien eine sehr homogene bevölkerung. selbst von den 8 mio armeniern leben nur 3 mio im land. einmal sah ich die so markant gefaltete, hübsche kuppel eines yesidischen tempels. ich durfte erfahren, dass die armenier den syrern sehr dankbar sind, weil sie ihnen damals während des völkermordes unterschlupft boten. aber ich denke, von den geflüchteten syrern wird kaum einer seine zukunft in armenien sehen.

der konflikt um arzach (wie es die armenier nennen) schwelt schon seit jahrhunderten, und die nationalen narrative, worum dieser teil IMMER SCHON UNSERS WAR!!1, reichen jahrtausende zurück. aserbaidschan bezieht sich auf das königreich alania, armenien u.a. auf ausgrabungen in dem gebiet, die aus dem 1. jh v chr stammen und belegen sollen, dass das gebiet schon mindestens seit dem armenisch war.
wie so oft bei konflikten dieser art wird großzügig außer acht gelassen, dass besatzer kamen und gingen, dass es durchgangsgebiet für so viele reiche und völker war. dass ethnien nebeneinander, miteinander lebten, sich teilweise vermischten.
förderlich für die situation war sicher auch nicht, dass stalin nach gutdünken und relativ willkürlich gebiete aserbaidschan bzw. dem damals existenten roten kurdistan zusprach. und so haben beide seiten kulturgüter, kirchen und moscheen, häuser von vorfahren und eigene persönliche geschichten in dem gebiet und sind daher der felsenfesten überzeugung, dass es ihres sei. beide seiten sind zu keinem kompromiss bereit und hassen sich aus tiefstem herzen.

der dlf nova hat einen sehr guten podcast produziert, um die geschichte auseinander zu klamüsern. die bottomline ist: es ist kompliziert, und scheint auch -wie der nahost-konflikt- unlösbar.
klar, die sympathie liegt zunächst bei armeniern. einer verhältnismäßig vorbildlichen demokratie in der gegend, einem underdog, der mit minderwertigen waffen gegen ein durch öl und gas reich gewordenes regime kämpft, das u.a. deutsche unionspolitiker(innen) besticht, um menschenrechtsberichte bei der eu zu schönen. ein regime, dass dschihadisten im kampf einsetzt, seine bevölkerung mit lügen indokritiniert und kulturgüter gezielt vernichtet.
aber es hat lügen und hetze, pogrome und vertreibungen auf beiden seiten gegeben.
und nicht zuletzt -man mag es seltsam finden und kritisieren, aber- ist es gemäß der uno völkerrechtlich nach wie vor ein teil von aserbaidschan. ich wage mir kein abschließendes urteil zu.

fakt ist auf jeden fall, dass erdogan, vor allem aber putin von der fragilen lage profitiert und sicher viel daran setzen wird, dass sie auch fragil bleibt. russland liefert waffen an beide seiten, ist zugleich aber auch nicht an einer totalen eskalation der situation interessiert, weil es sich recht erfolgreich als schutzmacht und friedensbringer gerieren kann, indem es den friedensvertrag herbeigeführt hat und die einhaltung dessen jetzt in beiden ländern kontrolliert.

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