nordkaukasus [3/4]

pshav-khevsureti

nachdem ich den pass überquert, bei gudauri den paraglidern, die sich höher und höher schraubten, etwas neidisch hinterher geschaut und dann die alten lkws, die mühe hatten talwärts ihre schwere last zu bremsen, lässig überholt hatte, fuhr ich fast den ganzen tag die recht langweilige und nervige hauptstraße entlang. am zhinvali-staudamm bog ich dann links ab und zeltete am wasser. als ich am nächsten tag gen norden fuhr, wurde ich von zwei truckern zum frühstück eingeladen, das sie an einer quelle am straßenrand gerade zu sich nahmen. da sie ohnehin in die gleich richtung mussten und unbeladen fuhren, schlugen sie mir vor mich mitzunehmen. angesichts dessen, dass ich die strecke zweimal befahren würde, entschied ich, dass ich mir eine richtung (nämlich die aufwärts, hehe) ruhig sparen konnte. es sollte sich als die richtige entscheidung herausstellen: denn während wir in beängstigendem tempo um serpentinen fegten und über schlaglöcher donnerten, fing es in strömen an zu regnen.

bei ihrer baustelle angekommen, wurde ich in den container gebeten. wie es sich rausstellte, hatte der bauleiter u.a. in freiberg studiert und freute sich über die gelegenheit, sein etwas eingerostetes deutsch wieder aktivieren zu können. nachdem ich die wenigen kilometer nach shatili gerollt war, hatte es auch aufgehört zu regnen. der ort bestand aus einem neuen teil mit touristenunterkünften und einem alten teil mit einer festung, die sich so schwarz und düster ganz wunderbar in das stahlgraue wetter fügte.

ich hielt mich jedoch gar nicht lange auf, sondern fuhr das tal flussabwärts, um dann kurz vor der russischen grenze in ein angrenzendes tal südöstlich einzubiegen. ich genoss die abgelegenheit und einsamkeit. trotz dass man hier gewissermaßen kaukasische idylle in reinform genießen konnte, waren erfreulicherweise kaum touristen zugegegen. ich kam vorbei an diesen gruftartigen gebäuden, wo sich in zeiten grassierender pandemien infizierte dorfbewohner selbst isolierten. eine überlebensstrategie, die von vielen der kaukasischen völkern und stämmen praktiziert wurde (hat nichts an aktualität verloren; hierzulande wird heuer jedoch beschwichtigend abgewunken und auf chacha als gegenmittel vertraut und in schland wird von tapferen recken die freiheit auf gefährdung von leib und leben der mitbürger verteidigt). ein bisschen schauerlich ist es jedoch schon, dass man die gebeine heute noch im innern mondfahl leuchten sehen kann.

ich folgte dem tal bis nach ardoti von wo aus nur noch ein wanderpfad weiterführt. folgte man diesem pfad bzw. dem fluss und einem seiner östlichen nebenarme bis zur quelle, so käme man zu dem gipfeln, die pshav-khevsureti von tuschetien trennen. ich blieb jedoch in der ebene, die sich zu fuße von ardoti erstreckt, wo sich drei täler treffen. ich machte einen spaziergang zu den ruinen und zu meinem großen erstaunen traf ich nicht nur auf hirten im tal, sondern auf eine familie, die dort völlig entlegen und allein im dorf lebt.

auf dem weg zurück machte ich noch einmal halt in shatili, um einen jener von mir so hoch geschätzten khachapuri zu mir zu nehmen. in der wirtschaft traf ich auf eine lustige reisetruppe, die kurz zuvor eingetroffen war. sie hatten dem chacha (und anderen natürlichen substanzen) auf der fahrt gut zugesprochen und waren nun bester urlaubslaune. sie luden mich ein auf ‚den besten wein georgiens‘. wir hatten einen netten schnack über dieses und jenes, gott und die welt, deutsche und georgische clubkultur. ich erfuhr, dass sie bisher immer gemeinsam verreist waren und nun seit zwei jahren gezwungenermaßen ihr eigenes land entdeckten. und ziemlich begeistert sind. das witzigste aber war, dass sie auf der fahrt festgestellt hatten, dass eine von ihnen -in ihrer funktion als bänkerin und insolvenzverwalterin- das ehemalige büro ihres nun angeheuerten führers abgewickelt hatte. und dass sie aufgrund dessen etwas besorgt waren, von ihm in eine falle gelockt zu werden und deshalb umso bemüht, ihn mit wein und chacha bei laune zu halten.
sie luden mich ein, die nacht mit ihnen zu verbringen. sie versprachen mir die besten speisen und getränke, die dieseits des kaukasus zu finden seien.

es gilt die legende, dass die georgier so viel zeit an festtischen verbringen, dass sie sogar fast ihren platz auf der erde verloren hätten. gott hatte die erde unter den völkern aufgeteilt und als er fertig war, kamen die georgier um ihren platz zu erhalten. doch gott zuckte nur mit den achseln: ‚ihr seid zu spät gekommen, wo seid ihr gewesen?‘ die georgier entschuldigten sich: ‚wir waren zu tisch und haben gegessen, getrunken. wir haben auf die schönheit dieser welt getrunken, die du erschafft hast und dir gedankt.‘ die wörter der georgier rührten gott: ’nun, ich habe die erde bereits aufgeteilt, aber ich habe für mich selbst ein schönes plätzchen reserviert. ich schenke es euch!‘ da sich die georgier sicher sind, dass sie im schönsten land der welt leben, stellt kein mensch die wahrhaftigkeit dieser legende in frage.

doch ich entschied mich ausnahmsweise zugunsten meiner leber und eines deutschen zeitplans (mir blieben noch knapp zwei wochen bis zum impftermin und ich hatte beschlossen, noch nach swanetien zu fahren). ich erreichte den pass zur perfekten zeit und schaffte daher die abfahrt noch kurz vor sonnenuntergang.

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