nordkaukasus [2/3]

kazbegi / stepatsminda

als ich zurück kam und meinen dort gelagerten kram bei nutsa und guga abholte, erfuhr ich von den beiden, dass neue impfdosen in georgien eingetroffen sei und dass man sich einfach und unkompliziert zur impfung anmelden könne. auf nachfrage im krankenhaus erfuhren wir, dass sich ausländer nur in tiflis impfen lassen könnten. auch wenn ich mir das telefonisch nicht bestätigen lassen konnte, weil keiner abhob, fuhr ich kurzerhand trotzdem dahin. und tatsächlich erhielt ich schnell, unkompliziert und kostenlos meine erste dosis pfizer und einen termin für die zweite.

obwohl georgien die höchste sieben-tage-inzidenz weltweit hatte, das gesundheitssystem überlastet ist und viele gestorben sind, geht die impfkampagne nur schleppend voran. in meiner wahrnehmung -die hauptsächlich von gesprächen mit georgiern geprägt ist- liegt das zum einen an einem grundsätzlichen und tief verankerten misstrauen der regierung gegenüber und andererseits an dem vertrauen, dass dem patriachen (oberhaupt der georgisch-orthodoxen kirche) entgegengebracht wird, der sich gegen impfungen ausgesprochen hat.

am darauf folgenden tage überlegte ich, wie ich die vier wochen bis zur zweiten impfung (die ich mir nur im selben krankenhaus in tiflis abholen konnte) verbringen sollte. ich entschied mich dafür, den nördlichen kaukasus weiter zu erkunden.

kazbegi ist eines der beliebtesten touristenziele, womöglich weil es sowohl sehr schön, als auch recht komfortabel zu erreichen und infrastrukturell gut ausgebaut ist. die alte heeresstraße, die schon seit jahrtausenden als kriegs- und handelsweg genutzt wird und im 18. jh erstmals von den russen befestigt wurde, führt von tbilisi über stepantsminda bis nach russland. sie per rad zu befahren ist der ideale nervenkitzel für alle, die sich gern von 40-tonnern zentimeterknapp überholen lassen. der gesamte güterverkehr, der von georgien oder armenien nach russland (oder umgekehrt) geht, rollt auf dieser strecke. bis nach kvemo mleta folgt man dem fluss aragvi aufwärts und dann geht es serpentinenreich steilan nach gudauri. oberhalb von gudauri angekommen wurde ich dann mit einer spektakulären aussicht über die umgebenden berge und das tiefe tal belohnt. perfekt abgerundet wurde die szenerie von zahlreichen paraglidern, die über dem ganzen ihre kreise zogen.

nach kurzer überlegung war ich mir sicher, dass ich die gelegenheit nutzen wollte, um auch einmal auf die weise durch die luft zu gleiten. so meldete ich mich am nächsten morgen für einen tandemflug an und schwebte am späten vormittag bereits durch die lüfte. man erhält eine kurze einführung und ein harness angelegt, welches mit dem des professionellen paragliders hinten verbunden ist. alles, was man tun muss, ist auf kommando loszurennen, das vom piloten gegeben wird, wenn der wind ausreichend ist. leider hatte ich etwas pech mit der thermik, die sich ständig änderte, weshalb wir uns nicht nach oben schrauben konnten, sondern einfach nur das tal hinuntergleiteten. (video)

den pass zu überqueren, war von dort aus keine große anstrengung mehr. nach der abfahrt auf der anderen seite konnte ich eines der größten der zahlreichen infrastrukturprojekte georgiens und teil der als neuen seidenstraße bezeichneten bauvorhaben sehen: der tunnelbau unter dem bidara, der die vorher beschriebene, mühsame überquerung des passes obsolet machen soll.

von stepantsminda war ich etwas enttäuscht. vielleicht hatte ich falsche erwartungen gehabt, vielleicht lag es auch daran, dass die wolken den blick auf den schneebedeckten gipfel des mkinvartsveri (5054 m) nicht freigeben wollten oder dass der ort als zentrum sehr touristisch war. auch die fahrt weiter bis zum grenzübergang offenbarte nicht viel mehr als ein paar mittelprächtige wasserfälle und schöne bergblicke, die durchaus reizvoll, inzwischen aber auch nicht besonders mehr waren.

erst die fahrt in weniger frequentierte nebentäler brachte u.a. zwei sehr schöne begegnungen. als ich vor stepatsminda östlich abgebogen und fast schon bis juta gefahren war, erblickte ich ein sonderbares gespann. ein mensch, der selbst auf große entfernung der kleidung nach als nicht-ansässiger zu erkennen war, mühte sich, einen bepackten esel zum weitergehen zu bewegen. meine neugier war geweckt und ich hatte die beiden schnell eingeholt, obwohl es steil bergauf ging. thomas hatte sich den esel ein paar dörfer zuvor als lastentier gekauft, sich mit ausreichend verpflegung eingedeckt und wollte nun über pshav-khevsureti bis nach tuschetien laufen. ein wunderbares vorhaben, wie ich fand. allerdings hatte er den starrsinn seines neuen gefährten unterschätzt und kam nur sehr viel langsamer voran als erwartet. wir verstanden uns auf anhieb super und ich begleitete die beiden bis hinter juta, wo wir eine schöne stelle zum campen fanden. er hatte eine menge interessanter und witziger geschichten zu erzählen, war schon viel gereist, u.a. nach palästina, irak und afghanistan. beim abladen bemerkten wir, dass der esel recht wund gerieben war vom geschirr und versuchten ihn notdürftig zu verarzten. so kam das exorbitante erst-hilfe-set, das ich seit jahren mit mir rumschleppe, auch mal zum einsatz. nach dem essen machten wir noch ein feuerchen und spielten ein paar runden schach.
am nächsten morgen entschied thomas doch nochmal zurück zu kehren ins dorf, um ein besseres geschirr zu besorgen, weil er seinen liebgewonnenen esel die kommenden tage nicht unnötig quälen wollte. in juta verabschiedete ich mich und fuhr erst einmal wieder richtung pass.

später erfuhr ich, dass er den esel freigelassen hatte, sein gepäck wieder selbst geschultert hatte und sich trotzdem aufgemacht hatte. allerdings war er kurz darauf abgestürzt und hatte sich die hand gebrochen, so dass er doch zurück kehren musste.

an der großen tunnel-baustelle bog ich dann richtung westen ab ins abano-tal. ich musste an thomas und seinen esel skylo denken. er hatte mir erzählt, dass es gar nicht mehr so einfach wäre an einen esel zu kommen, weil sie eine beliebte speise bei den chinesischen arbeitern wären. das tal verengte sich zu einer steilen schlucht und der holprige weg folgte einem gletscherfluss aufwärts. doch dann weitete sich das tal zu einer weitläufigen, lichten ebene mit schwefeligen quellen. irgendwo kurz nach jimara stand dann eine baracke, wo sich soldaten langweilten und touristen erklärten, dass es nicht weiter ginge. man konnte von dort aus zu einer darüber liegende bergruine spazieren oder sich vergewissern, dass man wegen eines gletscherflusses ohnehin nicht weitergekommen wäre.

auf dem rückweg traf ich dann zufällig nochmal ana. sie hatte inzwischen eine andere begleiterin – nämlich franzi, die in tiflis an einer deutschen schule unterrichtet. wir freuten uns sehr über das unerwartete wiedersehen und hatten am abend auch ausführlich zeit zu schnacken, da wir am gleichen, hübschen ort nächtigten, der tagsüber als snackbar für ausflügler dient und nachts als campingplatz auf vertrauensbasis. ich erfuhr u.a., dass sie normalerweise sehr viel extremere touren unternimmt (wenn sie nicht gerade schwanger ist), zu fuss, ski oder packraft, aber höchstens mit einem tarp ausgestattet. und dass sie mittlerweile ihren lebensunterhalt als autorin, bloggerin, vortragsrednerin und testerin für diverse outdoorartikel bestreiten kann.

ich blieb noch einen tag länger an diesem friedvollen ort, um etwas zu entspannen und zu lesen, bevor ich mich aufmachte zurück über den pass und die heeresstraße wieder gen süden.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s