nordkaukasus [1/4]

tuschetien

tuschetien liegt im nordkaukasus an der grenze zum heutigen russland zwischen dagestan, tschetschenien und kachetien und ist u.a. für seine urige dörfer mit markanten wehrtürmen bekannt. der einzige zugang (mit gefährt) ist von süden her über den albano-pass. ich wurde gewarnt, dass es schwierig bis unmöglich sei, den pass per rad zu überqueren, es wäre schon mit allradgetriebenen fahrzeugen schwierig. aussagen wie diese verfestigten allerdings in mir nur die entscheidung dahin zu fahren. es sollte tatsächlich recht anspruchsvoll und kräftezehrend werden, allerdings nicht so arg wie mir suggeriert wurde. kurz nach dem dorf lechuri endete der asphalt und die straße ging über in einen geröllweg mit teilweise absurden steigungen, der hin und wieder von bächen überflossen war. ich hatte (mal wieder) großes glück mit dem wetter: in den zwei wochen workaway hatte es teilweise tagelang geregnet, doch inzwischen schien die sonne einem auguste angemessen wieder kräftig. in der angenehmen kühle des waldes ging es nahezu den ganzen tag straff bergan. ich genoss die zugegeben anstrengende fahrt, lediglich die unerwartet zahlreichen autos, die mich ständig überholten oder entgegenkamen -alle mit kühner fahrweise und keinen anlass erkennend, die geschwindigkeit zu reduzieren- nervten.

im grunde ist die überfahrt tatsächlich nur mit einem allradfahrzeug mit ausreichender bodenfreiheit zu bewerkstelligen, doch manche der eingeborenen schaffen es trotz dessen mit einem opel corsa oder einer e-klasse. ich bin sicher, dass sie nur die einzigartige kombination aus unerschütterlichem gottvertrauen und keiner gnade gegenüber deutscher ingenieurskunsttm dazu befähigt.

am späten nachmittag schließlich entfuhr ich dem wald und es bot sich mir ein wunderbares panorama, was sich -und das schätze ich ganz besonders an fahrten durch die berge- ständig änderte. glücklicherweise hatte mir nutsa von den heißen quellen erzählt, die in der oberen hälfte des passes lagen und die die perfekte zwischenstation für die zweitägige überquerung selbigen war. ich fand eine baracke vor und einige menschen, die zu meiner überraschung türkisch sprachen. einer führte mich rum und zeigte mir die heißen quellen. also eigentlich zeigte er mir ein kleines gemäuertes gebäude mit geschlossener tür, aus dem es dampfte und nach schwefel stank. ich begann zu verstehen, dass es sich gewissermaßen um eine kommerzielles angebot handelte: übernachten im landestypischen rustikalen abiente mit optionalem bad. ich ließ mich darauf ein und handelte den preis immerhin auf das einheimische niveau. letztlich wurde es noch ein richtig netter abend: ich konnte die waden im warmen wasser lockern, wurde da in einen schnack verwickelte (es stellte sich raus, dass es offensichtlich auch eine relativ große minderheit von türken in georgien gibt) und dort zu kebap und melone, zu wein und chacha eingeladen und konnte nochmal in ein richtigen bett schlafen. als ich mich am nächsten morgen bei meinen trinkkumpanen mit einem frisch zubereiteten kaffee revanchieren wollte, wurde abgelehnt und mir stattdessen ein saftglas voll mit chacha unter die nase gehalten. ich wollte schon ablehnen, als ich gewahr wurde, dass unmittelbar neben uns eine ziege zum frühstück geschlachtet wurde. das war mir dann doch etwas zu viel und so nahm ich den drink dankbar entgegen.

ich erreichte den gipfel (2826 m) am späten vormittag bei sonnenschein und wurde zu einem kleinen picknick eingeladen. bei der abfahrt traf ich noch alte bekannte (aus kurdistan). luanda und markus hatten noch einen abstecher nach tuschetien gemacht, bevor sie sich schließlich heimwärts bewegen mit ihrem defender und ein paar krokodilstränen, hatten sie doch eigentlich viel umfangreichere pläne gehabt. auf staubigen serpentinen ging es steil bergab und anschließend durch tiefe täler mit rauschenden flüssen, viel wald und vereinzelten dörfern aus blockhütten. am abend schließlich erreichte ich die hochebene über die omalo mit seinen markanten türmen aufragt.

die georgier nahmen als eine der ersten völker den christlichen glauben an. da dies nicht ganz freiwillig geschah, flohen die tuschen (eine subethnie) in die berge, wo sie weiterhin ihre paganischen kulte und traditionen leben konnten. sie breiteten sich in verschiedenen täler um omalo -was heute der größte ort und verwaltungszentrum ist- aus und errichteten dörfer an teilweise sehr exponierten orten aus dem dortigen schwarzem schiefergestein. jeder ort war mit mindestens einem wehrturm ausgestattet, der zur verteidigung, aber auch auch zur alarmierung gedient hat. denn die türme habe alle eine sichtverbindung und so konnten alle dörfer im angriffsfalle schnell per licht- oder rauchzeichen verständigt werden. die tuschen waren als tollkühne kämpfer, die so manchem invasor trotzten, gefürchtet. sie betrieben hauptsächlich schafzucht und waren bekannt für die hohe qualität ihres käses und ihrer wolle. erwähnenswert ist auch das süßlich-rauchige bier, das nur für besondere anlässe aus wildem hopfen gebraut wurde bzw. noch wird.
im 8. jh konvertierten sie dann doch (zumindest proforma), um handels- und verteidigungsbündnisse mit den georgiern eingehen zu können. in ganz tuschetien gibt es nur eine kirche, aber zahlreiche heidnische kultorte (chati), die auch noch heute gepflegt und besucht werden. allerdings dürfen sie von menstruierenden frauen nicht betreten werden.
inzwischen gibt es kaum noch familien, die ganzjährig in tuschetien wohnen. die meisten kommen nur den sommer über oder nutzen das ererbte haus als feriendomizil.

meine nachbarn, die am abend noch in der gegend rumgeballert hatten, luden mich am nächsten morgen zum frühstück (chacha) ein. wie es sich herausstellte waren drei von ihnen jesiden, die von ihrem armenischen freund anlässlich seines geburtstages zu einem ausflug eingeladen worden waren. ich fuhr zunächst nach nordosten und traf die vier nochmal unweit vom pittoreskem dartlo, wo wir die verschwitzten körper kurz ins gletscherkalte wasser hingen und melone aßen. ich sparte mir den den gang zu den höher gelegenen dörfern, weil ich ohne velo doch sehr fußfaul bin, und fuhr lieber weiter das tal entlang soweit es möglich war mit dem rad. ich musste so manche furt durchqueren bis ich girevi erreichte, von wo aus man nur noch zu fuß oder pferd weiterkommt.

auf dem weg dahin traf ich ana -eine bemerkenswerte dame- die zu der zeit mit ihrer mutter unterwegs war. sie hatte ursprünglich vor gehabt, den gesamten kaukasus von aserbaidschan bis nach abchasien abzulaufen und zwar schwanger! müßig zu erwähnen, dass das aufgrund der pandemie nicht durchführbar war. trotzdem machte sie sich auf den weg, um zumindest den georgischen teil (ohne die abtrünnigen regionen und defacto-staaten abchasien und südossetien) abzulaufen.

anschließend erkundete ich das tal, das etwas südlicher gelegen ist. über borchorma und dochu fuhr ich bis nach beghela, wo es schließlich unmöglich war, den reißenden fluss mit dem fahrrad zu überqueren. die berge ragten hier zwar nicht ganz so dramatisch in die höhe, doch es war angenehmerweise weniger touristisch und dadurch ruhiger und irgendwie authentischer.
den fußmarsch nach bochorma nahm ich dann doch auf mich, zu spannend und geheimnisvoll ragte es auf der einsamen anhöhe, nur erreichbar nur über eine schmalen steilen pfad. und ich sollte reichlich entlohnt werden, nicht nur mit einer wunderbaren aussicht, sondern auch weil ich in eine geselliges gelage eingeladen wurde. erfreut ließ ich mir das deftige essen und den wein schmecken. zwischen den ausgedehnten ansprachen des tamadas erklärte mir der gastgeber viele interessante lokale besonderheiten.

zuletzt fuhr ich noch über shenako nach diklo, wo gerade die vorbereitungen für ein fest im vollen gange waren, und schließlich noch weiter bis der weg an einer alten ruine endete. dort konnte man östlich auf der anderen seite einer atemberaubende riesigen schlucht die berge auf der russichen seite erblicken.

im sommer werden in jedem dorf rauschende feste gefeiert. man kann es oft schon von weitem hören, denn dann schallen laute rufe durch die täler. jedes jahr wird eine familie bestimmt, die die gesamte feiera ausrichten muss. es gibt riesige bankette bei denen männlein und weiblein gemäß der traditionellen konventionen fein säuberlich getrennt sitzen. und es werden u.a. reitturniere abgehalten.

der ausflug war nicht nur wegen des aufstieges, sondern auch wegen der staubigen, absurd steilen geröllstraßen vor ort eine besondere herausforderung für mensch und maschine. und so war ich recht erschöpft und froh als ich, nach einer abfahrt, die sich beschwerlicher gestaltete als gedacht und einer rückfahrt, die sich länger zog als erinnert, endlich wieder bei nutsa und guga aufs grundstück rollte.

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