plötzlich in mesopotamien

auf dem weg nach urfa besuchte ich noch göpekli tepe. an diesem ort wurde in den neunziger jahren die bisher älteste tempelanlage weltweit gefunden, die anlass zur vermutung gibt, dass mit dem ackerbau -entgegen aller wissenschaftlichen theorien bis dato- zur realisation des gigantischen bauprojekts begonnen wurde. es war für mich faszinierend und zugleich unvorstellbar, die motivation nachzuvollziehen, die vor ca. 12000 jahren unzählige jäger und sammler dazu veranlasst hatte, zusammen zu kommen, um tonnenschwere steine zu bearbeiten und auf diesem hügel aufzustellen.


am nächsten tag fuhr ich nach urfa. es war der erste des drei tage andauernden zuckerfestes, des fastenbrechens nach dem ramadan. fast alle geschäfte waren geschlossen und als ich einen offenen minimarkt fand, wurde ich dort zum frühstücken eingeladen. als ich zur altstadt fuhr und mich in den verwinkelten hübschen gassen verlor, sah ich allerorten festliche kleider.

an der mevlid-i halil moschee trat ein sonderbaren mann auf mich zu und begann freundlich auf mich einzureden. sein gesicht zierte ein schwarzer bart, aus wachen augen blickte er mich an, auf dem kopf trug er ein tuch, was sich beiderseits auf seine schultern legte, seine stark beringte hand führte einen gehstock, unterm arm hielt er einige bücher. als klar wurde, dass ich weder türkisch, noch arabisch, noch russisch sprach, rief er telefonisch noch eine gefährtin herbei. ihr name war ceydar und sie war zwar etwas genervt, beteuerte aber, dass das nicht an mir läge und lud mich zum gemeinsamen frühstück mit ihnen ein. ich freute mich und sagte zu.

wir hatten ein wunderbares picknick im malerischen garten einer moschee, die direkt an einem türkisblauen fluss mit karpfen darin liegt. die legende besagt, dass abraham (ibrahim) an diesem ort von gott gerettet wurde. er sollte verbrannt werden, weil er seinem gott nicht abschwören wollte, doch gott wandelte das feuer in einen fluss und die flammen in die karpfen. die quelle, die unweit der moschee liegt, ist ein sehr heiliger ort für die moslems und wenn man es schafft, dass einer der seltenen weißen karpfen das angebotene futter frisst, dann ist einem großes glück gewiss.

im folgenden stellte sich raus, dass ceydar und ali mit dem imam derzeit gewissermaßen dort leben. der innenhof war umrahmt von kleinen zellen, in denen u.a. eine werkstatt für flöten untergebracht war, die aber auch für den imam, der normalerweise bei seiner familie lebt, oder für gäste oder gläubige, die über nacht bleiben wollen, zur verfügung stehen. der imam, mit namen salih, ein offener und furchtbar freundlicher Mensch, sehr belesen, u.a. mit vielen deutschen philosophen vertraut, akzeptierte dieses arrangement, obwohl frauen dies eigentlich verwehrt war. auch mir gestattete er zu meiner großen freude für ein paar tage zu bleiben und auf der wiese zu nächtigen.

ich verbrachte ein paar entspannte tage dort. die hitze ließ nicht viel mehr zu als die nahe abrahamsquelle zu besuchen oder zu lesen, tee zu trinken und mit fremden zu plaudern. doch die friedvolle atmosphäre war auch einfach zu schön, um woanders hin zu gehen. am abend spazierte ich allein oder mit ceydar durch die stadt, die trotz weiterhin bestehender ausgangssperre zu leben erwachte.

salih ist nicht nur weise und freundlich, er kann auch wunderschön singen

am letzten tag traf ich noch larissa fast an der gleichen stelle, wo mich ali angesprochen hatte. sie reist auch alleine per rad und imponierte mir sehr. nicht nur, dass sie als brasilianerin ohne englisch-kenntnisse losgefahren ist und es unterwegs gelernt hat. sie reist auch fast ohne geld, bestreitet einen teil ihrer ausgaben mit dem verkauf von postkarten, die sie zeichnet und scheint auch sonst total furchtlos zu sein.

irgendwann verspürte ich jedoch wieder das verlangen weiter zu fahren und machte mich auf gen osten. der weg war trist, weil flach und nur geradeaus und die sonne brannte. leider gelang es mir nicht, einen hitchhike zu erwischen, doch da der wind an diesem tag günstig stand, machte ich trotzdem 130 km. ich fuhr den ganzen tag an der grenzanlage zu syrien entlang und musste viel an meinen freund harbi denken, wie er bei dunkelheit mit verletztem bein diese zahlreichen reihen von stacheldraht in todesangst überwand.

den nächsten tag musste ich mich noch einmal arg quälen, um den berg zu erklimmen, auf dem mardin thront, doch es lohnte sich! die stadt ist tatsächlich so schön wie viele mir sagten und wirkte auf mich wie steingewordene tausendundeinenacht, wie das tor zur arabischen welt. ich erkundete früh die gassen und als es zu warm wurde, die geschäftigen basare. beim barbier lernte ich den imam der stadt kennen, der mich auf einen tee einludt. er erklärte mir sehr stolz, dass mardin als besonders liberale stadt gilt, in der viele verschiedene ethnien und religionen friedlich zusammen leben.

leider fuhr ich am nachmittag zu spät los, so dass ich am abend beim unweit gelegenen aramäischen kloster nicht mehr vorstellig werden konnte, um nach einem nachtlager zu fragen. doch der nachtwächter ließ mich immerhin im garten schlafen. am nächsten tag besuchte ich das kloster und war ein wenig enttäuscht. besonders alt war es nicht und viel gab es auch nicht zu sehen, jedoch war der stolz der jungs, die mir in gebrochenem englisch eine führung gaben äußerst rührend.

um das kulturprogramm noch abzurunden, gönnte ich mir bei affenhitze noch einen abstecher nach dara, wo eine alte römische garnison u.a. mit riesigen zisternen und felsengräbern zu besichtigen ist.

letzte station war cizre. ich war dort für den übernächsten tag mit hans verabredet. ich konnte mittlerweile maximal bis 12 uhr mittags radeln, weshalb ich dazu übergegangen war, um vier aufzustehen und ohne große pausen durch zu radeln. auf couchsurfing hatte ich last-minute zunächst kein glück, aber ein user, der selbst gerade auf reisen (im iran) war, half mir indem er mich mit einer befreundeten familie vekuppelte.
abdurrahman sprach keine der mir bekannten sprachen (mittlerweile fühle ich mich ziemlich ungebildet nur zwei sprachen zu beherrschen, habe ich inzwischen so viele menschen getroffen, die drei oder mehr sprechen) doch wusste er mit der translator-app umzugehen. ich traf ihn in seinem kleinen handy-laden in der innenstadt. der halbe kiez versammelte sich, um mich zu tee einzuladen und auszufragen.

abdurrahmans mutter war eine sehr religiöse frau. als ich sie traf, waren ihr haar, ihr gesicht und ihre hände mit henna bemalt. stets hatte sie eine tesbih in der hand. später sollte sie mich zu ahmed umbenennen und versuchte mir ein paar arabische aussprüche beizubringen. sie hat 21 kinder geboren, von denen 18 überlebten. von diesen kindern haben einige inzwischen selbst kinder, abdurrahman zum beispiel drei. die sippe wohnt teils in einem haus auf mehrere wohnungen verteilt zusammen. entsprechend lebhaft ging es zu.

dass die wohnung komplett mit teppichen ausgelegt war und keine stühle und tische vorhanden waren, dass statt einer dusche nur eine eimer vorhanden war und natürlich das klo ohne schüssel war nunmehr ganz normal für mich und alles andere hätte mich überrascht, allerdings war es mir sehr befremdlich und unangenehm, dass die frauen die ganze zeit die männer bedienten und dann getrennt mit den kindern in einem anderen raum aßen. doch ich begann zu verstehen, dass es riesige kulturelle unterschiede gibt, beispielsweise was familie bedeutet und wie sie funktioniert, und ich zunächst versuchen sollte diese zu verstehen, anstatt reflexhaft mit den eigenen maßstäben zu urteilen.

am nächsten tag gab mir mein gastgeber noch eine kleine stadtführung. zugegeben, viel gab es nicht zu sehen (am besten gefiel mir die taubenzucht seines freundes auf dem dachboden), aber gerade diese unaufgeregtheit der stadt fand ich charmant. am abend packte ich die nötigsten dinge für die nächsten wochen und mottete mein rad auf dem balkon ein. am nächsten morgen gab es sehr früh noch ein ein letztes gemeinsames frühstück und dann holte mich hans ab.

zum schluss bleibt noch zu sagen, dass mir insbesondere in diesen gefilden eine generelle und sehr große gastfreundschaft zuteil wird. oft werde ich mit einem ‚herzlich willkommen‘ begrüßt und zum tee eingeladen. oder mir wird hilfe, welcher art auch immer, angeboten. oft kommt es auch vor, dass ich etwas kaufe oder eine dienstleistung in anspruch nehme und nachher nicht bezahlen darf. wie wunderbar wäre die welt, wenn man überall frei von angst sein könnte und mit der zuversicht, dass man stets auf solche menschen trifft!

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