merhaba türkiye

nachdem ich mit diana und patric das negative pcr-test-ergebnis in alexandroupoli abgeholt hatte, ging es bei starkem gegenwind richtung grenze. ich hatte die beiden bei unserem warmshower-host kennen gelernt. sie sind auch per rad von deutschland aus unterwegs und hatten den winter auf rhodos verbracht. kurz vor der grenze trennten sich unsere wege, denn zum grand finale in griechenland sollte ich nochmal einen der hauptprotagonisten der kretischen episoden wiedertreffen: mein lieber freund andronis, den ich genau ein jahr zuvor kennen lernen durfte, leistet ganz in der nähe seinen militärdienst ab und konnte ein paar stunden frei bekommen. so kurz das wiedersehen war, so herzlich war es denn auch und beschwingt davon eilte ich noch am selben abend über die grenze.

der erste eindruck, der sich mir bot, war eine monumentale grenzanlage, die im krassen widerspruch zur laxheit der beamten stand. nach kezan ging es über die hauptstraße, südlich dann über feldwege zur halbinsel gelibolu. um nicht die hauptstraße nehmen zu müssen, fuhr ich über die dörfer im westen.

leider wurde ich an einem unter quarantäne stehenden dorf gestoppt und musste in ermangelung anderer wege nach gelibolu zurückkehren. dort traf ich zufällig diana und patric wieder. wir radelten gemeinsam die ostküste entlang und setzten per fähre nach canakkale über. von dort ging es weiter richtung süden, alsbald es möglich war, abseits der hauptstraße die küste entlang. blühende wiesen und olivenhaine säumten den weg und so mancher ort, der aus der griechischen mythologie ein bekannt ist, wurde passiert. überreste uralter bauten kündeten von dieser zeit oder auch der späteren römischen. um nach edremit zu gelangen, mussten wir noch einmal die hauptstraße nehmen und da wir uns dort nicht einigen konnten, ob auf dem weg nach ayvalik der konvenienz oder der schönheit des weges vorzug gegeben werden sollte, trennten wir uns wieder.

ayvalik brachte gemischte emotionen: noch während der blick wehmütig auf dem unweit gelegenen mytilini ruhte, erhielt ich die absage meines warmshower-hosts in letzter minute. da mir aber das städtchen mit seinen kleinen gassen und kunsthandwerksgeschäften sehr gefiel, blieb ich einen weiteren tag. ich erkundete den nationalpark auf der halbinsel und scharwenzelte durch die stadt. In einem äußerst hübschen cafe verschwatzte ich mich mit dem besitzer, ein franzose, der mit einer türkin verheiratet ist. und anschließend las ich ein wenig in der sonne. ein tag voller müßiggang.

ins landesinnere sollte es gehen, weg vom meer, rein in die berge. also nahm kurs richtung bergama. anfangs schlängelte sich der weg durch hügelige olivenhaine, doch bald schon ging es steil bergan. erst durch karge wiesen auf denen schafe weideten, dann in einen dichten, sattgrünen wald. ich fuhr an granitfelsen vorbei, die mich ein bisschen an die heimat erinnerten. es fing an zu regnen und ich fuhr an zahlreichen granitwerken vorbei. es wurde kälter und es hörte einfach nicht mehr auf zu regnen. irgendwann war ich so durchnässt und durchgefroren, dass ich beschloss, den regen einfach im zelt auszusitzen. ich fragte ein paar bauern unterwegs, ob ich mich in ihrem holzverschlag umziehen könne, doch die sagten mir, dass ein paar kilometer weiter eine tankstelle sei mit imbiss. und die sollte meine rettung sein. am kanonenofen taute ich wieder auf, konnte meine sachen trocknen und mich sogar noch mit einem köftebrot und cay stärken. als ich weiter fuhr, hatte der regen aufgehört und ich fand sogar eine stelle im wald für mein zelt, die nicht total durchweicht war.

am nächsten morgen ging’s ohne frühstück flott talwärts nach bergama. dort nahm ich erstmal eine deftige innereiensuppe und ein feines dessert zu mir. ich weiß nicht genau was es war, aber es war sehr soßig und lecker. außerdem fand ich einen elektriker, der das schlecht von mir gelötete kabel meines gleichrichters reparierte. sein kumpel, der zum frühstück vorbei gekommen war, schärfte mein messer. nachdem ich mich in kinik auf einem riesigen wochenmarkt reichlich mit vorräten eingedeckt hatte, radelte ich wieder südlich in die berge. ich traf einen bauern, der seinen jungbullen spazieren führte und ansonsten eher auf etwas verschlossene, versteckte blicke. vielleicht wurde hier noch nie ein fahrrad gesehen, vielleicht hielten sie mich aber auch verrückt. sei’s drum. die glücksgefühle, die mich stets in den bergen erfassen, ließen nicht lang auf sich warten. die ruhe, der ausblick, die ziegen, das ständig sich ändernde panorama….

am morgen erhielt ich unverhofft besuch von ein paar schäfern, die offensichtlich sehr verwundert waren über mein dasein, aber auch sehr neugierig über rad und meine ausrüstung. ein junger hund leistete mir ein paar kilometer gesellschaft bis er mich (leider) allein weiter ziehen ließ. Bald schon ging es wieder bergab, richtung akhisar, von wo aus mich mein weg einige zeit eine flache ebene südlich dann östlich führte, rechts und links von bergen in der ferne gesäumt. viel wein wurde hier angebaut, aber auch gemüse und getreide. die musikalische untermalung wechselte ständig, denn jeder bauer ließ sich von einem anderen programm auf seinen trekker beschallen. alle trugen tücher, die den bei uns als ‚pali-tücher‘ bekannten sehr ähnlich sind, um den hals, als turban oder im hals und kopf gewunden, was sie wie beduinen erscheinen ließ und sicher einen guten schutz gegen wind und sonne bietet.

vor denizli, was das nächste ziel war, vereinigen sich die berge und der einzige direkte weg ist die schnellstraße, die -soweit möglich- der talsohle folgt. da ich diesen aber nicht nehmen wollte, fuhr ich nördlich über schotter- und waldwege, durch entlegene dörfer übers gebirge und entlang des bücük menderes dann richtung denizli. die stadt liegt am fuße des babadag und seinen etwas kleineren brüdern, die aber nicht weniger imposant empor ragen, ganzjährig schnee auf der spitze. über den millionenstadt, die nicht besonders schön ist, schwebt eine glocke aus smog. Bahri, pensionierter soldat, paraglider und passionierter radler, hatte mir per warmshowers zugesagt, mich zu beherbergen. es sollte eine sehr bewegende begegnung werden: ich fühlte mich als sei ich für zwei tage in die vierköpfige familie aufgenommen. obwohl die ersten tage des ramadan waren, wurde ich rührend versorgt und mein erneut gebrochenes kabel würde von ihm sehr handfertig wieder zusammen gelötet.

pamukkale war die erste ‚richtige‘ sehenswürdigkeit, aus dem reiseführer herausgeschrieben und in der karte eintragen. wie stets bei solchen besuchen hatte ich gemischte gefühle. zwischen all den anderen touris auf den beschilderten wegen durch das areal zu traben, fühlt sich immer etwas wie urlaubs-pflichtprogramm an, das zu absolvieren ist, weil man ja schonmal da ist. aber ehrlich gesagt sind die natürlich gewachsenen kalksinterterrassen, in denen sich das türkisblaue warme wasser sammelt, durchaus sehenswert. und wenn man dann barfuß die terrassen hoch gelaufen ist und sich plötzlich inmitten gut erhaltener antiker ruinen wiederfindet, dann fällt es einem nicht schwer nachzuempfinden, wie erhaben sich ein bürger dieser riesigen römischen stadt gefühlt haben muss, während er über die weite ebene bis zu den vorher genannten gipfeln blickt oder zu einem bade im heilenden wasser vor die Tore der stadt tritt.

nach denizli brach ich dann zu einer lake-hopping-tour auf. den anfang machte der salda-see, der nicht nur wunderschön, sondern mit 196 m auch der tiefste see der türkei ist. dort traf ich eine niederländische familie, die mit einem selbst ausgebauten feuerwehr-truck auf reisen sind und verbrachte mit ihnen den abend am lagerfeuer. danach ging es zum burdur-see und dann zum egirdir-see, wo ich von einem neuen ausmaß an patriotischer demonstration überrascht wurde. der letzte see, beysehir, war nochmal ein besonders schöner, bei dem ich nur nicht länger blieb, weil ich keine vorräte mehr hatte.

inzwischen bin ich in konya angekommen und habe mir mangels host mal ein hotelzimmer geleistet. unglücklicherweise bleibt mir wegen covid nicht nur der zutritt zum mausoleum des begründers des derwischordens, dschalāl ad-dīn muhammad rūmī, verwehrt. auch kann ich eigentlich geplante erledigungen nicht machen, weil ausgerechnet heute der konstituierung der nationalversammlung 1920 gedacht wird. so konnte ich immerhin diesen eintrag endlich mal fertig schreiben…


wind
er ist ein ständiger, sehr launischer begleiter, (gefühlt) meistens von vorn, teilweise so stark, dass man bergab noch treten muss. aber auch von der seite zerrt er an den nerven, denn es ist kein schönes gefühl, wenn die ganze zeit jemand an dir rüttelt oder dich gen straßengraben drängt.

sprache
englisch wird fast gar nicht verstanden. eher kommt es vor, dass man jemanden trifft, der etwas deutsch kann. oder französisch. manchmal wird es ein bisschen anstrengend, wenn leute hartnäckig auf türkisch weiterfragen, wenn doch längst klar geworden sein sollte, dass man die sprache nicht spricht. die lateinischen buchstaben machen es immerhin einfacher schilder etc zu entziffern und zu navigieren. schon mit den paar brocken farsi und arabisch, die ich auf lesvos lernte, sind einflüsse davon auf die türkische sprache zu erkennen. allerdings sollen diese eliminiert (vielleicht eher: verschleiert) werden, hat mir bahri erklärt, indem sie durch türkische neologismen ersetzt werden.

menschen
ausnahmslos alle sind wirklich äußerst nett und freundlich. auch wenn viele (ehrlich) interessiert sind und mich ein bisschen ausfragen wollen, fühle ich mich nie bedrängt. mit der exekutive hatte ich bis auf die grenzbeamten gar keinen kontakt, auch wenn die sehr präsent ist. ich fühle mich total sicher hier.

coole omas
ja mutti, du bist auch cool, aber hierzulande springen omas auf dem dach rum und wechseln dachschindeln, rasen mit dem traktor durch die gegend oder mäuern eine scheunenwand.

geld/einkaufen
für einen euro kriegt man mittlerweile fast zehn türkische lira. entsprechend günstig ist fast alles. in den kleinen minimarktes gibt es zwar zur einen hälfte (fast nur) nutzloses zeug und zur anderen süßigkeiten, aber auf dem großen wochenmärkten kriegt man fast alles und in supermärkten den rest.

essen
nachdem die griechische küche doch etwas eintönig geworden war (seit dem beginn des lockdowns im november sind tavernen und restaurants geschlossen und die vielfältigkeit des take-away-angebotes ist eher binär), bin ich über das reiche angebot der anatolische küche sehr glücklich. manches ist mir schon aus deutschland bekannt (und wird von mir sehr geschätzt), vieles bleibt noch zu testen. insbesondere die unglaubliche vielfalt an süßspeisen aus nüssen, tahini, honig, engelshaar uvm erstaunt mich immer wieder und schon allein die ästhetik der stücke wirkt selbst auf mich, der ich nicht viel übrig habe für süßigkeiten, eine anziehung aus.

trinken
die ständige suche nach trinkwasser erübrigt sich fast komplett, denn in kurzen abständen ist fast an jeder straße und auch in flachen gegenden eine wasserstelle zu finden. der immer etwas zu starke schwarze tee in den süßen kleinen bauchigen gläsern ist natürlich allgegenwärtig. oft sind in der dorfmitte in der nähe der moschee zwei, drei kahves, wo immer …… nicht selten kommt es vor, dass man zu einem tee eingeladen wird, um etwas von sich zu erzählen. leider dürfen die cafés inzwischen nicht mehr aufmachen und die türken sind ihrer teekultur in der öffentlichkeit beraubt. alkohol ist hoch besteuert und beispielsweise bier im verhältnis zu lebensmitteln sehr teuer. glücklicherweise fällt es mir mittlerweile nicht schwer, auf das von mir so geliebte getränk zu verzichten.

beschränkungen durch covid
in der türkei steigen die fallzahlen rasant. die 7-tage-inzidenz ist über 500. es gilt eine nächtliche ausgangssperre ab 19 uhr, sowie eine generelle am wochenende. touristen sind von dieser regelung befreit. restaurants, cafés und geschäfte sind offen, in größere wird man nur eingelassen, wenn man sich mittels qr-code einer app, bei der man sich zuvor registriert hat, eincheckt.

kurioses
die beflaggung fällt noch umfangreicher aus als in griechenland. auch das konterfei atatürks ist omnipräsent. in städten und dörfern sind lautsprecheranlagen installiert über die nach einem kurzen jingle diverse informationen verbreitet werden: neueste covid-zahlen, nachrichten oder todesanzeigen – ein audio-newsfeed der ohne ein endgerät funktioniert! an vielen straßen ist die attrappe eines polizeiautos angebracht, sogar mit rot-blauen leds für die nacht. verkehrsinseln sind oft aufwendig begrünt und mit anderem zierrat geschmückt. pornoseiten sind in der türkei gesperrt und nur per vpn erreichbar, auweier…


zum schluss noch ein hörtipp: ein aufschlussreiches feature-interview der wochendämmerung, die dem/der politisch interessierten leser*in ohnehin ans herz gelegt sei, in dem es um die geschichte der türkischen republik, ihr verständnis als nationalstaat, die rolle des militärs und des parlaments, die politische landschaft, die entwicklungen der letzten jahre, die hdp und vieles mehr geht: hier

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