frohes neues

der wind bläst mir kräftig ins gesicht. noch bläst er schelmischer weise schräg von vorn. doch nachdem ich mir in skala eresos die tosende see angeschaut habe, wird er mir helfen, wenn es über eresos den schotterweg nach sigri geht. ich habe mir eine woche frei genommen, um endlich radelnder weise den mir bisher unbekannten nordwesten der insel zu erkunden.

auch wenn die tage im dezember und im neuen jahr recht ereignislos waren, fühlte ich mich dennoch recht ausgelaugt. dem allgemeinen gefühl, das beste aus dem (scheinbar) zeitlich begrenzten lockdown zu machen und die zeit zu nutzen, um bauprojekte zu realisieren und notwendige reparaturen und vorbereitungen für eine baldige wiedereröffnung des centers vorzunehmen, war bald trübsinn, hilflosigkeit und zweifel gewichen. hilflosigkeit, weil man dem eigentlichen hilfsangebot nicht nachkommen konnte und zweifel, ob man es jemals wieder könne. zu den erschwernissen, die den ngos durch die griechische regierung immer mehr gemacht wurden, verhärtet sich langsam auch das gerücht, dass ein geschlossenes camp ca. 50 km entfernt errichtet werden soll, in dem keine ngos mehr operieren dürfen.

ich verbrachte viel zeit in der werkstatt der lowtechs, um nicht ständig in der wohnung zu sein und bastelte an diesem und jenem. sofern es das wetter zuließ, waren kleinere radtouren, im meer zu schwimmen, bei der olivenernte mitzuhelfen oder mit freunden den tag in der natur und den abend am feuer zu verbringen das mittel der wahl, um der stadt mit ihren routinen und begrenzten möglichkeiten zu entgehen.

nun also mal wieder meinen esel treten und von küste zu küste, durch täler und auf berge fahren. ich genieße die stille und lausche dem rauschen des windes, der hin und wieder das bimmeln der glocken oder die pfiffe und rufe der schäfer zu mir trägt. es ist so anders, die insel im winter zu erkunden; anders schön. nach den zahlreichen und heftigen regengüssen plätschert und rauscht es überall. trübe nebelschwaden und sonnenschein wechseln sich tagsüber ab, in der nacht regnet es meist. in den winterschlafenden dörfern ist kaum jemand anzutreffen. man ist zur olivenernte. oder repariert sein boot. oder sein haus. wegen des lockdowns bleibt mir das vergnügen verwehrt, mich im kafeneio zu den alten männern am ofen zu gesellen, die bei einem rakomelo (warmer raki mit honig) oder einem kaffee karten spielen.

über kalloni geht es nach skala eresos, das im sommer einer der beliebtesten strandorte der insel ist. danach biege ich in eresos nach links ab und nehme die schotterpiste gen westen nach sigri, wo man einen versteinerten wald bewundern kann, der in der nähe gefunden wurde. anschließend geht es über serpentinen westwärts wieder in die berge. noch vor antissa biege ich rechts ab, um im skamniouda-nationalpark vergeblich nach einem sehenswerten wasserfall zu suchen. auf der suche muss ich einen fluss durchqueren und daher mein rad zurück lassen. auf der kleinen wanderung treffe ich stattdessen auf zwei bauern, die mir auf griechisch einen offensichtlich guten witz über merkel erzählen, den ich zwar nicht verstehe, aber höflicherweise mitlache.

über antissa fahre ich nach norden, um die kleinen fischerdörfer zu erkunden. in kalo limani treffe ich einen verwunderten fischer, der dort in totaler einsamkeit den winter verbringt. er ist sichtlich erfreut über etwas gesellschaft. daher setzen wir uns für einen schnack (der von meinen mageren griechisch-kenntnissen limitiert ist) und knabbern meine nüsse und trinken seinen ouzo.

petra ist mir bereits von einer vorigen tour bekannt, allerdings hatte ich mir damals nicht die zeit für einen spaziergang durch die altstadt und zur burg auf den felsen genommen. diesmal nehme ich nicht den weg nach norden über das pittoreske molivos, sondern fahre südlich entlang des vigla-gebirges.

freunde hatten mich im dezember schon auf eine wanderung auf den höchsten berg der insel dort mitgenommen.

als ich in der nähe von mantamados morgens mein zelt öffne, schauen mich einige augen verdutzt an. die temperatur ist über nacht auf knapp über null gefallen und ich bin daher nicht ganz unglücklich, den letzten tag der tour vor mir zu haben. nicht nur wegen der polizeicheckpoints sondern auch, wegen der landschaftlichen schönheit wähle ich statt der stark befahrenen küstenstraße die route über feld- und waldwege im landesinneren zurück gen süden.

frisch, erholt und ausgeglichen komme ich zurück nach mytilini und fühle mich gestärkt für das, was da noch kommen mag.


manchmal sitze ich abends bei meinem freund in der küche bei einem tee oder kaffee mit kardamom und schaue auf die lichter der stadt, durch die (mittlerweile) ab sechs nur noch vereinzelt und verängstig mopeds durch das gewirr der straßen hasten. wenn es in strömen regnet, dann wissen wir, dass die menschen im camp ihren drang unterdrücken, zur toilette zu gehen, weil sie sonst durch den see waten müssten, zu dem das camp dann wird. letzte woche sank die temperatur bis zum gefrierpunkt. elektrische heizer sind nicht gestattet, weil sie die generatoren überlasten würden und holzöfen nicht wegen der brandgefahr. die krätze breitet sich im camp aus. es wurde festgestellt, dass der boden des militärgeländes mit blei kontaminiert ist.

nach einigen runden mensch-ärgere-dich-nicht und noch viel mehr zigaretten, insistiere ich dann vehement gegen die -manchmal etwas zu hartnäckige- arabische gastfreundschaft, zu hause schlafen zu wollen, und schleiche mich -mittlerweile recht souverän- durch nebengassen nach hause.

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