lockdown II

die anthrazitfarbenen schiffe der küstenwache sind mit bunten wimpeln geschmückt. es ist der ‚oxi‘-tag (‚ochi‘ gesprochen, auf deutsch ‚nein‘), der zweitwichtigste feiertag in griechenland. an diesem tag wird die zurückweisung des italienischen ultimatums, griechenland praktisch kampflos mussolini zu überlassen, gefeiert. normalerweise werden an diesem tag paraden und umzüge abgehalten, diese jahr coronabedingt nicht. die verzweifelten menschen auf den schlauchbooten sind sich des zynismus nicht bewusst, wenn statt des italienischen faschismus sie -die vor faschistoiden zuständen schutzsuchenden- auf der ägäis mit den bewimpelten booten zurück gedrängt werden und ‚nein‘ gesagt wird zu menschlichkeit, weil sie um ihr leben bangen.

dass illegale pushbacks an der an den außengrenzen der eu durchgeführt werden, wurde schon länger von betroffenen und zeugen berichtet. dass es so lange gedauert hat bis dies auch belegt werden konnte, ist unter anderem andreas scheuer zu verdanken. der verkehrsminister, der eher dafür bekannt ist steuergeld im neunstelligen bereich zu verschwenden oder gesetze (höchstwahrscheinlich vorsätzlich) so schlampig zu schreiben, dass sie kurz nach inkrafttreten wieder zurück genommen werden müssen, hat bei der verhinderung von seenotrettung und -beobachtung außergewöhnliches engagement an den tag gelegt. so wurde nach zwei verlorenen prozessen kurzerhand das schiffssicherheitsgesetz geändert (obwohl es in der zivilen seenotrettung keinen einzigen sicherheitsbedenklichen fall gab, der anlass zur gesetzesänderung gegeben hätte!), was es humanitären organisationen wie der mare liberum, die sich der beobachtung von menschenrechtsverstoessen auf dem meer verschrieben hat, praktisch verunmöglicht, ihre arbeit zu leisten.

nun hat der spiegel in zusammenarbeit mit forensic architecture aideos von türkischer seite aus die illegalen pushbacks aufgezeichnet. der kurze, empörte aufschrei aus brüssel ist längst verhallt und wenn frontex untersuchungen über sich selbst durchführt, ob menschenrechtsverletzungen gedeckt oder sogar unterstützt wurden, ist vermutlich nicht viel aufklärung zu erwarten.

die lage im camp ist unverändert schlecht: es gibt keine duschen, nur dixieklos, die winterertüchtigung der zelte besteht aus paletten und osb-platten, damit die bewohner nicht auf dem blanken boden schlafen müssen. kürzlich ist durch einen kurzschluss ein feuer ausgebrochen, den die bewohner selbst gelöscht haben. derzeit sind 7.300 menschen im camp registriert, laut regierung ist es für 10.000 ausgelegt. trotzdem sollen andere camps mit besseren standards, wie das ‚alte’ karatepe-camp, geschlossen werden und die bewohner in das ‚neue‘ camp verlegt werden.

das pikpa wurde bereits am 30.10. geschlossen. es ist ein selbstverwaltetes zentrum, ein von einheimischen mit geflüchteten geschaffener ort, wo besonders gefährdete eine zuflucht finden und in besseren umständen und in bis dato geglaubter sicherheit leben konnten. die polizei rückte mit spezialeinheiten in martialischer ausrüstung an und deportierte die verzweifelten menschen mit den beteuerungen, dass sie an einen besseren ort gebracht würden. journalisten wurden bei berichterstattung vor ort gehindert.

am gleichen tag gibt es unweit ein erdbeben der stufe sieben und die griechische regierung informiert per cell broadcast, dass dringend geraten wird, sich nicht in küstennähe aufzuhalten, da die gefahr eines tsunamis besteht. das neue camp, in das auch die bewohner von pikpa geschaffen werden, liegt unmittelbar am meer. die katastrophen, die daraufhin die türkei und samos treffen, bleiben glücklicherweise und wie durch ein wunder hier auf der insel aus.

blick vom gemeinschaftszentrum auf das neue camp

aus verschiedenen gründen war ich mit meiner ursprünglichen organisation unzufrieden, weshalb ich mich auf die suche nach einer anderen machte. trotz der vielzahl an ngos, die hier vor ort aktiv sind, war es gar nicht so einfach eine zu finden, die meinen vorstellungen ensprach und die auch freiwillige einstellte. denn seit corona und spätestens seit dem feuer in moria hatten viele ihre arbeit einschränken müssen und sahen sich angesichts all der ungewissheiten nicht in der lage, neue freiwillige aufzunehmen.

ich fand schließlich doch eine und bin sehr zufrieden mit meiner entscheidung. die organisation betreibt eine art gemeinschaftszentrum, wo geflüchtete tagsüber hinkommen können, um verschiedene angebote in anspruch zu nehmen oder einfach in angenehmer umgebung zu entspannen und freunde zu treffen. die idee dabei ist, dass ein raum geschaffen wird, den sie mitgestalten und betreiben können. so gibt es einen garten, ein fitnesstudio, ein internetcafe, eine fahrradwerkstatt, ein cafe, eine psychotherapeutische klinik, eine bibliothek, ein spielplatz und eine kinderecke. angeboten werden u.a. auch durch andere organisationen foto- und filmkurse, englisch- und griechischunterricht, joga, wrestling, computerkurse uvm

mein tätigkeitsfeld liegt hauptsächlich im bereich zimmern und bauen. es gibt ständig etwas zu reparieren, sowie kleinere oder auch größere bauprojekte. ein feuer hat im frühjahr die schule (die komplett aus holz gebaut war) komplett zerstört und teile der angrenzenden bereiche verwüstet. das ganze soll so wieder hergerichtet werden, dass coronagerecht unterrichtet werden kann, also gut durchlüftet, aber weitestgehend wind- und wettergeschützt.


mittlerweile habe ich auch eine hübsche wohnung gefunden und genieße den luxus eines privaten zimmers und die gesellschaft eines netten mitbewohners. und auch mein soziales netz wird langsam etwas enger und beschert mir schöne momente. wenn mein syrischer freund mich zum essen einlädt, dann gibt es mit reis und granatafelgrenadine gefüllte weinblätter und gemüse, selbstgemachtes fladenbrot, tahini, und ein rauchige creme aus gegrillter aubergine mit viel knoblauch. dann kommen oft viele freunde und die lebhaften gespräche und scherze wechseln zwischen englisch, französisch, arabisch und farsi, mit ein paar ironisch eingestreuten griechischen wörtern. nach dem essen wird der tisch beiseite gerückt und tanzmoves aus simbabwe, syrien und afghanistan oder aber etwas steife, ungelenke bewegungen aus deutschland vorgeführt.

festmahl

an den wochenende schwinge ich mich manchmal aufs rad und erkunde die insel. leider war covid zuletzt schneller als ich, sodass der nordwestliche teil vorerst noch unberadelt bleibt.

da die fallzahlen zuletzt auch hier rasant angestiegen sind und eine kritische menge erreicht haben, wurde inzwischen ein erneuter lockdown für vorläufig drei wochen beschlossen, der genauso funktioniert wie im frühjahr: man darf das haus nur aus bestimmten gründen verlassen und muss im falle diesen per sms dokumentieren. nur die geschäfte zur versorgung mit täglichen gütern, sowie wichtigste öffentliche dienstleistungen bleiben geöffnet. glücklicherweise habe ich einen ‚passierschein‘ ausgestellt bekommen, so dass ich weiterhin arbeiten gehen kann und nicht den ganzen tag in der wohnung verbringen muss.

allerdings werden unsere freunde aus dem camp für die zeit des lockdowns in selbigem eingesperrt. entsprechend emotional und stressig war der letzte tag. sie wurden mit erneuten hygienhinweisen und -artikeln, winterkleidung, lebensmitteln und wasser versorgt. ausserdem erhielten sie datenvolumen und computer, in der hoffnung, dass einige der kurse remote weiterhin abgehalten werden können.

und dann hieß es lebewohl sagen – ein seltsames, äußerst ungutes gefühl. zu wissen, dass man sich für mindestens drei wochen nicht sehen wird, dass sie komplett isoliert sein werden in diesem camp, dessen zustände so inhuman sind. manche von ihnen werden nicht einmal erreichbar sein, da sie kein internet haben. und wir werden nur hoffen können, dass sie diese zeit einigermaßen gut überstehen werden.

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