auf lesvos

letztlich war abzusehen, dass meine hoffnung, doch noch in die türkei zu kommen, völlig illusorisch war. nach den bewegungen von menschen (und den vernachlässigten bzw nicht einzuhaltenden hygienemaßnahmen) während der urlaubszeit war ein ansteigen der fallzahlen zu erwarten. darüber hinaus werden die muskelspiele der zwei lieblingsstreithähne in bzw an der ägäis möglicherweise wohl auch nicht unbedingt zu einer zeitnahen grenzöffnung beitragen.

da mich seit längerem schon der gedanke immer mehr und mehr umtrieb, dass es irgendwie falsch ist, das gute leben in hellenischen gefilden auszukosten, während ein paar inseln weiter menschen in unwürdigen lagern ein jämmerliches dasein fristen (zumal ich eine haltung dazu habe, aber gleichzeitig nichts zur verbesserung beitrage), nahm ich endlich nun kontakt mit einer ngo auf und fuhr nach lesvos, um da für jene als freiwilliger zu arbeiten.

als ich in mytilini von der fähre rolle, scheint mir die dichte der militär- und grenzschutzboote im hafen noch größer zu sein als auf den anderen inseln. mir steht nicht der sinn nach sightseeing, allerdings nimmt mich schon nur beim durchqueren der verschachtelten stadt die gemütlichkeit selbiger ein mit ihren tavernen am hafen, einem lebhaften kneipenviertel, einer obskuren straßenführung und einer bei nacht beleuchteten burg.

aus neugier mache ich mich noch am abend per rad nach moria auf, um mir ein eigenes bild zu verschaffen. immer wieder lassen mich riesige zäune, die von natodraht gekrönt sind, irrtümlich vermuten, dass ich am camp sei. nachdem ich schließlich durch das eigentliche dorf moria gefahren bin und an einigen kinderwagen schiebenden, freundlich grüßenden jungen müttern vorbei gefahren bin, sehe ich zwischen den bäumen die ersten zelte (von den ngos ‚the jungle‘ genannt, wie ich später erfahre). während ich mich vorsichtig durch die fussballspiele auf der straße schlängele, werfe ich verstohlene blicke nach links auf die maschendrahtzäune, die in mehreren reihen einen bereich umschließen, der einst militärgelände war und jetzt (möglicherweise durch den natodraht auf den zäunen) einem gefängnis gleicht. ich sehe ein paar sanitärcontainer und außerhalb des geländes viele viele zelte bzw zeltähnliche konstrukte in den olivenhainen. polizisten sitzen an der nächsten kreuzung -die maske lässig unterm kinn- und schauen rauchend und gelangweilt auf ihre smartphones.

später lasse ich mir berichteten, dass das camp im grunde eine art eigene kleine stadt war mit bäckerei, friseur, fahrradwerkstatt usw, die die geflüchteten größtenteils selbst mit ihren äußerst bescheidenen mitteln errichtet hatten.

ursprünglich war geplant, dass meine fähigkeiten als baumensch zum umbau und zur renovierung des zukünftigen büros und begegnungszentrums eingesetzt werden sollten. allerdings brennt in der nacht nach meines ersten offiziellen arbeitstages das camp fast komplett ab. so sind wir in den tagen darauf damit beschäftigt palettenweise wasser zu besorgen und den geflüchteten zukommen zu lassen, die sich nach dem brand in richtung mytilini aufgemacht hatten und von der polizei auf der hauptstraße festgesetzt wurden. am supermarkt treffen wir aktivisten aus deutschland, frankreich und spanien, die sich in losen bündnissen organisieren. die verteilung ist zunächst jedoch unmöglich, da örtliche rassisten zufahrtswege mit baufahrzeugen blockieren und fahrzeuge von ngos und aktivisten mit steinen attackieren und die polizei von der anderen seite niemanden passieren lässt. am dritten tag trifft endlich das essen der griechischen regierung für die geflüchteten ein. die verteilung selbigen wird den ngos überlassen und gestaltet sich recht schwierig, ob der fehlenden organisationsstrukturen, der verzweiflung der menschen, daraus folgenden kämpfen, betrugsversuchen und der verhinderung derer, dem fehlen eines systems zur gerechten verteilung, zusammenbrüchen dehydrierter wartender usw usf……

dem feuer vorausgegangen waren mehrere stufen von beschränkungen des camps bis hin zur quarantäne, die panik bei den bewohnern auslöste, da sie aufgrund der unzureichende versorgungslage auf kontakt nach ‚außen‘ angewiesen waren. einige quellen aus dem camp behaupten, die inzwischen gefassten mutmaßlichen brandstifter seien bauernopfer, um ein exempel zu statuieren. dies sei bei vorherigen bränden, vergewaltigungen etc. auch schon praktiziert worden.

tag für tag findet immer wieder der gleiche kampf für eine gerechte essensverteilung statt, der nur zu verlieren ist. wie verteilt man 13000 essensportionen in möglichst kurzer zeit (verderbliche ware; schlägereien, wenn es zu langsam voran geht) ohne unterstützung von polizei oder militär? wir -ein spontaner zusammenschluss kleinerer und größerer ngos- haben aus den fehlern des ersten tages gelernt und packen fertige essenspakete, statt jedes nahrungsmittel einzeln auszugeben. währenddessen werden drei transporter so im abgesperrten bereich platziert, dass zwei zugänge für die ausgabe entstehen – einer für frauen und einer für männer. per lautsprecher wird in arabisch, farsi und französisch versucht die menschen zu beruhigen und zu geordneten anstehen zu animieren. hat sich erst einmal ein pulk gebildet oder die schlange zu weit nach vorn bewegt, ist es fast unmöglich die männer zurück in eine reihe zu bewegen. in kleintransportern werden die essenspakete von vorn angeliefert und anschließend hurtig ausgegeben. der ausgabebereich wird durch eine menschkette aus freiwilligen vor eindringen geschützt. jede ngo hat freiwillige unter den geflüchteten, die sie unterstützen. allerdings schmuggeln diese stetig freunde ein, was für allgemeinen unmut sorgt. mit solchen menschenketten versuchen wir auch die einhaltung einer fairen schlange zu gewährleisten – mit mäßigem erfolg. es gibt keine zeit und teilweise auch keine möglichkeit nachzuprüfen, ob der empfänger mitglied einer zehnköpfigen familie ist oder single. daher erhält jeder ein paket. am vierten oder fünften tag hat alkohol seinen weg in die sperrzone gefunden. mancher unmut ist nunmehr schwer einzuhegen, einer der ordner muss zum nähen seiner platzwunde ins krankenhaus.

es vergeht mehr als eine woche bis ein neues camp unweit aus dem boden gestampft ist. da sich die meisten geflüchteten weigern in das neue camp zu ziehen, weil sie die gleichen zustände wie in moria befürchten, wird ihnen erst nahrung und wasser vorenthalten und am tag darauf werden sie mittels tränengas von der straße vetrieben.

mittlerweile ist das neue lager fast fertiggestellt. neben und einschließlich eines militärübungsplatzes direkt am meer wurde die fläche planiert und zelte des unhcr aufgestellt. die zelte haben keinen boden. für die männlichen geflüchteten ohne familie wurden sieben große zelte auf betonboden errichtet, die mit doppelstockbetten ausgestattet sind. in jedem zelt sind 170 mann untergebracht. zwischen den unterschiedlichen bereichen des camps wurden provisorische straßen errichtet auf denen die polizei patrouilliert. es gibt keine sanitären anlagen, auch für frauen nicht. es gibt eine wasserstelle, an der man sich leitungswasser (kein trinkwasser) holen kann. für toilettengänge sind ein paar dixieklos aufgestellt. die positiv getesteten geflüchteten sind in einem mit natodraht separiertem bereich untergebracht. den zugang kontrolliert die polizei, allerdings mit mäßigen erfolg – so wurden infizierte auch schon in den schlangen der essensausgabe gesichtet. die essensausgabe wird von verschiedenen ngos geleistet und endete bisher immer mit leeren händen, enttäuschten gesichtern und streit, weil aufgrund von mismanagement nicht genügend essen vorhanden war. warum das militär die essensausgabe in einem staatlichen flüchtlingscamp, das aus eu-mitteln finanziert wird, nicht organisiert und leistet konnte mir bisher niemand erklären. die essensausgabe findet einmal am tag an verschiedenen stellen statt. pro person gibt es zwei flugzeugessenportionen, eine tomate, einen apfel, ein brot (die flachen, wie dürüm), manchmal etwas tahin, honig, und ein ei. und 1,5l trinkwasser!

es gibt keine regenwasserhaltung oder drainage oder ähnliches. die zelte sind nicht gedämmt. die meisten haben keine stromversorgung. es gibt keine medizinische versorgung. lediglich msf ist vor ort, aber hoffnungslos überlastet. es gibt von offizieller stelle keine masken und kein desinfektionsmittel. die teste, die vor ort durchgeführt werden, sind antikörperteste. die meisten ‚glauben‘ ohnehin nicht an corona, einschließlich polizei und militär. derzeit können sich die bewohner bis acht uhr abends frei außerhalb des geländes bewegen, doch im falle eines (absehbaren) infektionsherdes ist wohl mit einem lockdown des camps zu rechnen. viele der darin lebenden haben riesige angst davor. [update: mittlerweile dürfen die bewohner das camp nur noch in kleinen kontingenten und mit einer von der polizei ausgestellten erlaubnis verlassen]

ich habe keine fotos gemacht, da ich das voyeuristisch finde. wer aktuelle und informationen aus dem ‚inneren‘ möchte, sollte zb dem dunya collective oder dem moria media teamfolgen. weiterhin kann ich behaupten, dass sich meine beobachtungen/eindrücke/informationen größtenteils mit den berichten von zeit online decken, die oft überraschend zeitnah publiziert werden.

was die arbeit als freiwilliger in einer ngo angeht fühle ich mich stark an meine zeit als freiwilliger in rumänien er erinnert: konkurrierende ngos statt zielführende koordination, bestätigungshungrige egos gepaart mit fehlenden führungskompetenzen, endlose besprechungen, die in keinem verhältnis zur geleisteten hilfe stehen, das paradox, dass eine substantielle verbesserung unter umständen zum fehlen der eigenen daseinsberechtigung führt (und daher der status quo zumindest gutgeheißen wird) aber immerhin andere nette, interessante freiwillige, die sich zu den gleichen bedingungen ausbeuten lassen.

2 Kommentare zu „auf lesvos

  1. Liebet Max,
    Es ist ein erschütternder, ergreifender Real-Bericht von Dir,
    wesentlich aufklärender und wahrhaftiger, als die üblichen journalistischen Beiträge…
    Danke, Gertrud, Landstuhl -Atzel
    Liebe Grüsse

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