zeit zu gehen

zeit ist relativ. manchmal tröpfelt sie so dahin wie der karge regen, die dieser tage das erste mal seit monaten fiel. manchmal wird sie zäh und mürbe wie die gedanken während der mittagshitze. die alten im dorf wissen, dass sie in schleifen verläuft – deshalb sitzen sie vorm haus und schauen ihr dabei zu; denn jeder tag ist so gut wie der davor oder der danach. und manchmal scheint sie auch abhanden zu kommen.

als mir andronis anfang märz zusicherte, dass ich solange bei ihm bleiben könne wie ich wolle, bedankte ich mich höflich, aber versicherte ihm, dass ich nur ein paar tage bleiben würde, um mein knie auszukurieren. tja nun, da bin ich also noch und fühle mich langsam eine gewisse unruhe erfassen. kreta ist längst nicht hinreichend erkundet und einige projekte sind noch unvollendet, aber irgendeine kraft zieht mich weiter richtung osten. vielleicht ist es die befürchtung, dass mich das gleiche schicksal ereilen könnte wie die zahlreiche menschen, die für einen kurzen aufenthalt kamen und ihr leben lang auf kreta blieben. oder einfach die ahnung, dass das wesen der zeit trügerisch ist.

ein impuls für diese entscheidung war auch die enttäuschende erfahrung, dass aus dem -natürlich per handschlag besiegeltem- angebot eines unternehmens, das segeltörns für touristen anbietet, freiwilligenarbeit gegen einen segelkurs zu tauschen, nach langem hin und her leider nichts wurde. ich bleibe jedoch zuversichtlich, dass die erfüllung dieses kleinen kindheitstraumes nur verschoben ist.

doch bevor ich mich verdrücken konnte, wurde mir die außerordentliche freude zuteil, nochmal den lieben vale zu sehen. ich durfte mit ihm und freunden einige unbeschwerte tage an der südküste verbringen, wo wir alternierend freddo schlürften, baden gingen, fürstlich tafelten und uns dann von den ganzen strapazen ausruhten.

weil auch ein valentin nicht immun gegen das kretische zeitphänomen ist, sah er sich gezwungen, seinen flug zu canceln. und so blieb zeit für wunderbare, ausgedehnte gespräche, rumkurverei auf der insel und besuche bei seiner mutti, wo ich das erstaunliche erblühen des gartens seit meiner abreise bewundern konnte.

der krönenden abschluss unserer gemeinsamen zeit bildete eine wanderung durch die samaria-schlucht. eigentlich war die atemberaubende fahrt zum startpunkt, dem kleinen bergort ‚omalos‘, schon die kleine reise wert.

nach dem start auf 1250m höhe geht es anfangs recht flugs talwärts. nach ein paar kilometern ist man dann im tal angekommen und läuft richtung lybisches meer. der weg führt auf geröllpfaden durch die sommerliche kretische flora und kreuzt ab und an einen fluss. ein aufmerksamer beobachter kann sogar steinböcke entdecken, die an den hängen in sicherer entfernung zwischen kiefern nach futter suchen.

ungefähr auf der mitte des insgesamt 18 km langen weges beginnt dann die eigentliche schlucht, die rekordhalter in vielerei dingen ist (ich bin nicht so bewandert in der schluchten-competition-szene) und sich fast bis zum meer erstreckt. doch der anblick ist in der tat sehr beeindruckend und es fällt einem nicht schwer zu glauben, dass ihre entstehung zusammenhänge mit einer weiteren göttlichen episode mit den üblichen verdächtigen voll von eifersucht und folgenschweren affekthandlungen.

[ende]

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