festgefahren

wieder einmal sollte ich von der dynamik der geschehnisse überrascht werden:

bevor ich mich zur angepeilten workaway-stelle aufmachen kann, wird am 22. märz eine allgemeine ausgangssperre verkündet. das bedeutet, dass man nur für einige spezifische gründe seine behausung verlassen darf und dies auf einem entsprechenden vordruck dokumentieren muss.
heraklion in quarantäne
und so versuchen wir das beste daraus zu machen und verbringen die tage mit kochen, essen, schach spielen, lesen, kochen, essen, poker spielen, griechisch lernen, kochen, essen, auf-dem-dach-rum-liegen, putzen und manchmal auch kochen und essen.
doch noch bevor der lagerkoller so richtig einschlagen kann, kommt christos (der eigentlich christian heißt, aber sich nahezu vollständig assimiliert -ergo auch umbenannt- hat) zu besuch und stiftet uns zu einem ausflug in die natur an.
und so schleichen wir uns auf vier raedern aus der stadt nach sogia, da unweit dessen ein ort läge, der christos noch in postiver erinnerung sei. das letzte stück muss per fuss bewältigt werden, weil er einer dieser zahlreichen versteckten orte an der südküste ist, deren schönheit durch ebendiese schwierige zugänglichkeit bewahrt wird. durch trödeleien verspätet werden wir auf der hochebene von der dämmerung überrascht, was uns zu der entscheidung veranlasst einfach auf der ebene unter dem himmelszelt zu nächtigen.

das tal nahe des meeres ist mindestens so schön, wie von christos beschrieben. es gibt wasser, es gibt bäume, es gibt strand, es gibt gesellschaft in form von ziegen und schafen. und es gibt sogar mehrere kapellen, die uns bei dem leider immer schlechter werdenden wetter ein obdach bieten.  
wir verbringen die tage damit, den ziegen bei ihren halsbrecherischen klettertouren zu zuschauen, faul in der hängematte zu liegen, wildgräser zu sammeln und uns im kühlen nass der mediteranen see zu erfrischen.

wir werden im klösterlichen ambiente beschult

selbst feuerholz war verzehrfertig
schon vorbereitet

nach ein paar tagen werden die vorräte knapp und manchem zuckt es im wanderfuß. und so trennt sich die gruppe, um sich im vereinbarten treffpunkt kaleochora wieder zu vereinen. die freude über ein kostenfreies nachtlager in einem unrenovierten zimmer wärt leider nicht lange, da wir durch den buschfunk gewarnt vor der polizei fimreif fliehen müssen. diese wurde von von unbegründeter eifersucht geplagten anderen teilnehmern der tourismusbranche herbeigerufen.


da es uns noch nicht zurück in die stadt zieht, erkunden wir den westen der insel auf ablegenen pfaden, mopsen uns da ein paar zitronen und orangen und dort ein paar kumquat von den bäumen. hin und wieder müssen wir uns vor den ordnungshütern rar machen, die hier auf kreta traditionell ohnehin eine eher dekorative funktion haben.
wir besuchen die zweitgrößte höhle kretas (die natürlich dem griechisch-orthodoxen und nationalem narrativ schwungvoll eingebettet wurde) und treffen alte bekannte von julianna, die uns mit raki und frisch geschlachtetem hasen gut bewirten. wir revanchieren uns, indem wir den marder, der kürzlich gefangen und der -sich seines schicksals völlig unbewusst- seiner exekution harrt, weit vom dorf entfernt frei lassen. (ob dies wirklich im sinne des hausherrn war, mag ich rückblickend bezweifeln, aber immerhin der hausherrin gefiel die geste).

von dem wetter, dass man normalerweise im november in deutschland genießt, lassen wir uns die laune nicht trüben, doch der nebel, der vor askifou undurchsichtiger wird als ouzo mit wasser, stellt uns vor besondere navigatorische herausforderungen. da mancher mit dieser situation mental besser umgehen kann als anderer, wird diesmal auf die obligatorische suche nach einer entlegenen kapelle verzichtet und stattdessen auf einer am dorfrand zurückgegriffen.

dies war nur der beginn des nebels

dass dies die falsche entscheidung war, wird uns bewusst, als wir vom priester unsanft aus unseren träumen gerissen werden. da er möglicherweise nicht allein auf die macht gottes vertraut, kommt er in begleitung eines mannes, der mit seiner überdimensionierten taschenlampe einem nachtwächter anmutet und der  trotz des regens demonstrativ seine jacke hinter sein gefülltes holster geschoben hat. wir verstehen den kleinen wink und -auch wenn julianna als amerikanerin natürlich erfahrung mit schweren waffen und wildwestsituation hat- fügen uns geschwind.
glücklicherweise ist christos gut vernetzt und kann prompt eine backup-option hervorzaubern: der im letzten post schon erwähnte thomas hat mit zwei hostelkollegen kurz vor der ausgangssperre noch ein airbnb ergattert und eine deutsch-amerikanisch-australische wg gegründet. in der erhalten wir für zwei nächte asyl bevor wir nach heraklion zurück kehren.

[die redaktion zwingt mich an dieser stelle zu betonen, dass wir keine menschen unnötig in gefahr gebracht haben, da wir auf weniger trafen, als wir in der stadt ohnehin hätten. und in diesen seltenen fällen beherzigten wir alle empfohlenen sicherheitsmassnahmen]  

zurück in der stadt dürfen wir feststellen, dass viele die ausgangssperre eigenmächtig gelockert haben und kommen selbst schnell zurück in den quarantäne-modus (siehe oben).  

ältester baum kretas

christos kocht gut und gern,
vor allem an ungewoehnlichen orten
grillen auf dem dach

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